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Rede zum Volkstrauertag 2010
Sehr geehrter Herr Bürgermeister Hess, sehr geehrter Herr Landtagsabgeordneter Kleff, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger!
Ich muss gestehen, dass in mir Beklommenheit entstand, als ich gebeten wurde, die Feierstunde zum Volkstrauertag 2010 mit Schülerinnen und Schülern der Städtischen Realschule zu gestalten und auch die Ansprache am heutigen Tag zu halten. Es ist eine ungewohnte Situation für mich, und ich möchte Ihnen kurz erläutern, wie es dazu gekommen ist.
Vor den Sommerferien habe ich mit rund 40 Schülerinnen und Schülern aus unterschiedlichen Jahrgangsstufen ein Projekt durchgeführt, bei dem ich den jungen Menschen einen Bereich näher bringen wollte, der den meisten wenig vertraut, ja z. T. sogar unbekannt war, und zwar die verschiedenen Friedhöfe unserer Stadt. Nach Begehungen der kommunalen Friedhöfe und des Friedhofs der Abtei Königsmünster am ersten Tag war der Blickpunkt des 2. Tages auf die Ehrenfriedhöfe gerichtet. Eingeführt in dieses Thema wurden die Schüler zunächst durch Herrn Scherer vom VDK, der ihnen die vielen Aufgabenbereiche und Einsatzorte dieser Organisation vorstellte und uns dann zu den Ehrenfriedhöfen begleitete. Als erstes besuchten wir den so genannten „Franzosenfriedhof“ oder Ehrenfriedhof Fulmecke genannt an der Waldstraße und dann den Soldatenfriedhof Eversberg, am Abzweig der B55 gelegen. Dort haben die Projektteilnehmer für einige Stunden pflegerische Arbeiten durchgeführt und dabei eine zumeist erste Begegnung erlebt mit den Grabstellen der dort beigesetzten Toten. Wohl keiner der Jugendlichen konnte sich des bedrückenden Gefühls erwehren, das in einem Besucher dieser Anlage aufkommt, wenn er vor diesen Hunderten von Steinen steht, in die die Namen und Lebensdaten eingemeißelt sind. Wie jung sind viele gestorben, die meisten gefallen in den letzten Monaten eines schon längst nicht mehr zu gewinnenden Krieges!
Aber diese Gefallenen waren für uns Fremde, wir hatten keinen direkten Bezug zu ihnen. Dies aber veränderte sich, als wir dabei sein konnten, als Herr Scherer einen Kranz niederlegte auf das Grab eines gefallenen Soldaten. Dessen Sohn hatte darum gebeten, da der Vater einige Tage vorher Geburtstag hatte. Und da entstand plötzlich mehr, da war auf einmal eine Beziehung zu einem Lebenden, dem es nicht vergönnt gewesen war, die Kindheit und Jugend unter der Obhut seine Vaters zu erleben, mit ihm seine Freuden, Sorgen und Schwierigkeiten zu besprechen und sie zu lösen. Und ebenso war es dem Gefallenen nicht möglich, die Liebe und Freude seiner Familie und Freunde zu genießen, Erfolg zu haben, gute, aber auch schwere Erfahrungen zu machen und zu reifen, alt zu werden. Er konnte nicht teilhaben an dem Wiederaufbau Deutschlands, sich nicht freuen an dem allmählichen Zusammenrücken ehemals verfeindeter Staaten, an dem Fall des Eisernen Vorhangs, der Öffnung der innerdeutschen Grenze –Freuden, die wir erleben durften. –Diese Veränderungen geschahen auf dem Hintergrund der Erfahrungen der beiden Weltkriege, bitteren, schrecklichen Erfahrungen, bestimmt durch Angst, Tod, Hunger, Gewalt und für uns heute nicht mehr nachzuvollziehendem Leid. Millionen Menschen kamen um, Millionen wurden an Körper und Seele verstümmelt, verloren Hab und Gut -und ihre Heimat. Dies alles wurde den Jugendlichen und mir noch einmal besonders eindringlich vor Augen geführt bei einem Besuch der „Steinwache“ in Dortmund, einer Mahn- und Gedenkstätte für die Opfer der verbrecherischen NS-Diktatur. Was mussten Menschen damals ertragen!
Wie gut geht es uns dagegen heute! Jean-Claude Juncker, der luxemburgische Ministerpräsident und einer der glühenden Verfechter des vereinten Europas, hat 2008 einmal gesagt:“ Wer an Europa verzweifelt, der sollte Soldatenfriedhöfe besuchen.“ Ich möchte, ohne anmaßend sein zu wollen, diese Aussage noch erweitern:“ Wer an der Welt verzweifelt, sollte Soldatenfriedhöfe besuchen und Gedenkstätten für die Opfer von Gewaltherrschaft.“ Nirgendwo sonst wird einem bewusst, in welcher Zeit wir hier und heute leben, in Frieden und Freiheit, diesen kostbarsten Werten, auf denen Menschen erst ihr Leben genießen können, sich weiterentwickeln und entfalten können.
Daher sind wir den Opfern der Kriege und Gewaltherrschaften ein Gedenken schuldig, eine Erinnerung, aus der die Versöhnung über den Gräbern erwächst und die Mahnung, alles zu tun, um diesen Frieden und die Freiheit weiterhin zu stärken und für noch mehr Menschen auf der Welt voranzutreiben.
Diese unsere Welt hat sich verändert nach den Schrecken der beiden Weltkriege, z.T. in einem atemberaubenden Tempo. Sie ist kleiner geworden durch die technischen Entwicklungen, viele Staaten sind sich näher gekommen, haben sich verbündet. Menschen verschiedenster Kulturen begegnen und erfahren sich auf Reisen, und überall auf der Welt treffen wir auf Menschen, die den Schritt gewagt haben, ihre Heimat zu verlassen und in anderen Ländern ein neues Zuhause, eine neue Heimat zu suchen. Auch bei uns ist das so. Dadurch ergeben sich Probleme, ohne Zweifel, aber diese Menschen sind ein Teil unseres Staates, unseres Alltags, unseres Lebens. Wir begegnen einander, wir arbeiten und lernen miteinander, wir werden von ihnen gepflegt, beliefert und bedient, wir teilen dieses Leben miteinander – wir sollten es zumindest tun. In manchen Städten, z.B. hier in Meschede, finden wir sogar auch die letzte Ruhestätte mit ihnen.
Daher bin ich ganz besonders dankbar, dass sich Schülerinnen aus meiner Projektgruppe zur Teilnahme an der heutigen Gedenkstunde eingefunden haben, deren Eltern aus dem Iran und aus Palästina stammen. Ihnen war es wichtig, gemeinsam mit uns der deutschen Gefallenen und der Opfer von Krieg und Gewalt weltweit zu gedenken. Sie haben mir den Mut gegeben, heute zu Ihnen zu sprechen, und auch die Hoffnung, dass wir in diesem Land zusammenwachsen und so den Frieden unter den Menschen vorantreiben, denn der Frieden beginnt ganz nah, hier unter uns, in unserer Straße, in dieser Stadt.
Gestatten Sie mir in diesem Zusammenhang ein Zitat aus einem Brief, den ich vor einigen Wochen von einer 82-jährigen Dame aus Pirmasens erhalten habe. Durch einen Zeitungsbericht im Sommer über unser Projekt informiert, hat sie den Schülern und mir einen bewegenden, uns alle tief berührenden Brief geschrieben. Sie dankt darin für den geleisteten Einsatz, für das Gedenken der Gefallenen auf unserem Ehrenfriedhof Eversberg, wo auch ihr Bruder seine letzte Ruhestätte gefunden hat, gefallen im Alter von 20 Jahren. Noch heute spürt man aus den Worten dieser älteren Dame den Verlust und die Trauer um ihn, aber auch ihr Bestreben, den Jugendlichen den Wert des Friedens und der Freiheit nahe zu bringen So schreibt sie:“ Ein Krieg ist nie eine gute Lösung! Ob es der „kleine Krieg“ auf dem Schulhof oder der Krieg in der Familie ist oder der Krieg unter den Völkern. Die Aussöhnung nach einem Krieg ist immer schmerzvoller nach einem Krieg als die Aussöhnung bei der friedlichen Bewältigung eines Konfliktes!“
Besser kann man unsere Verpflichtung zum Frieden nicht ausdrücken. Wir müssen einander achten, uns über unterschiedliche Auffassungen streiten, nach Verbesserungen und Lösungen suchen, aber immer in dem anderen den Menschen sehen, der, wie der Schriftsteller Borchert uns in seinem Text gezeigt hat, das gleiche Wesen auf dieser Welt ist, im Leben und im Tod
Abschließend ist es mir ein Bedürfnis, allen zu danken, denen ich bei der Durchführung unseres Projektes und auch im Anschluss daran begegnet bin, denn sie haben mir für manches Wichtige wieder den Blick geschärft. Ich danke den Schülerinnen und Schülern, die dabei mitgearbeitet haben, besonders denen, die heute hier sind, und ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
Erika Siebels